Ich erinnere mich an einen Abend, an dem ich mich auf ein Gespräch gefreut hatte, weil ich mir schon Tage zuvor ausgemalt hatte, wie es sein würde. Nicht bis ins kleinste Detail, aber doch deutlich genug, dass in meinem Kopf bereits eine bestimmte Stimmung entstanden war. Ich erwartete Nähe, Offenheit und dieses besondere Gefühl, verstanden zu werden. Das Gespräch selbst war freundlich, ehrlich und eigentlich vollkommen in Ordnung. Trotzdem ging ich danach mit einer leichten Enttäuschung nach Hause. Erst später fiel mir auf, dass der andere Mensch kaum eine Chance gehabt hatte, meiner Erwartung gerecht zu werden. Er war nicht gegen etwas Reales angetreten, sondern gegen eine Begegnung, die längst in meiner Vorstellung stattgefunden hatte. Diese Erkenntnis hat mich beschäftigt, weil sie mir zeigte, wie leicht Erwartungen einem Augenblick vorausgehen und ihn bereits formen können, bevor er überhaupt begonnen hat.
Erwartungen gehören für mich zum Leben. Ich kann kaum planen, hoffen oder mich auf etwas freuen, ohne eine Vorstellung davon zu entwickeln, was geschehen könnte. Wenn ich ein Buch veröffentliche, wünsche ich mir, dass es Menschen erreicht. Wenn ich jemanden treffe, habe ich aufgrund früherer Erfahrungen eine Ahnung davon, wie die Begegnung verlaufen könnte. Wenn ich einen Weg beginne, stelle ich mir zumindest ungefähr vor, wohin er führen soll. Das Problem liegt für mich deshalb nicht darin, Erwartungen zu haben. Interessant wird es dort, wo ich vergesse, dass es Erwartungen sind. Dann verwandelt sich eine Möglichkeit in einen inneren Maßstab. Was tatsächlich geschieht, wird nicht mehr für sich wahrgenommen, sondern daran gemessen, ob es meinem Bild entspricht.
Dabei können Erwartungen unsere Wahrnehmung viel stärker beeinflussen, als mir früher bewusst war. Wenn ich von einem Menschen erwarte, dass er mich nicht ernst nimmt, höre ich seine Worte anders. Eine beiläufige Bemerkung bekommt schneller Gewicht, ein längeres Schweigen wirkt wie Desinteresse, eine Unachtsamkeit bestätigt plötzlich das, was ich ohnehin vermutet hatte. Dasselbe kann in die andere Richtung geschehen. Wenn ich jemanden idealisiere, übersehe ich leichter Dinge, die nicht zu meinem Bild passen. Unser Denken sucht Zusammenhänge und nutzt frühere Erfahrungen, um neue Situationen einzuschätzen. Das ist etwas völlig Menschliches. Doch gerade deshalb finde ich es wichtig zu sehen, dass Wahrnehmung nicht immer nur das registriert, was vorhanden ist. Sie wird auch davon beeinflusst, wonach sie bereits sucht.
Noch tiefer greifen für mich jene Erwartungen, die wir an uns selbst richten. Sie sind häufig so selbstverständlich geworden, dass ich sie kaum noch als Erwartungen erkenne. Ich müsste in einem bestimmten Alter weiter sein. Ich müsste gelassener reagieren. Ich sollte längst wissen, was ich möchte. Wenn ich mich schon so lange mit einem Thema beschäftige, dürfte es mir doch nicht mehr schwerfallen. Solche inneren Sätze können einen merkwürdigen Druck erzeugen, weil sie mein gegenwärtiges Erleben ständig mit einer vorgestellten Version meiner selbst vergleichen. Ich bin dann nicht einfach müde, unsicher oder unentschlossen. Ich bin enttäuscht darüber, dass ich überhaupt noch müde, unsicher oder unentschlossen bin. Aus einem Zustand wird ein Urteil. Und dieses Urteil entsteht nicht unbedingt aus dem Leben, das gerade stattfindet, sondern aus der Vorstellung davon, wie mein Leben eigentlich aussehen sollte.
Besonders deutlich nehme ich Erwartungen dort wahr, wo wir anderen Menschen stillschweigend Rollen geben. Wir erwarten von einem Partner eine bestimmte Form von Nähe, von einem Freund Verständnis, von den eigenen Kindern ein Verhalten, das zu unseren Vorstellungen passt, von Eltern etwas, das wir vielleicht schon lange vermisst haben. Vieles davon ist nachvollziehbar. Beziehungen brauchen Verlässlichkeit und gegenseitige Rücksicht. Doch ich habe erlebt, wie schnell aus einem berechtigten Wunsch ein unsichtbarer Vertrag werden kann, von dem der andere gar nichts weiß. Dann bin ich enttäuscht über etwas, das nie ausgesprochen wurde. Der andere hat nicht unbedingt sein Versprechen gebrochen, sondern meine Vorstellung davon, was er tun müsste. Solche Momente haben mir gezeigt, wie eng Erwartung und Enttäuschung miteinander verbunden sein können. Nicht jede Enttäuschung entsteht, weil die Wirklichkeit schlecht war. Manchmal war sie einfach anders.
Auch in meiner Beschäftigung mit Spiritualität habe ich Erwartungen immer wieder als etwas sehr Einflussreiches erlebt. Wenn ich glaube, eine bestimmte Erfahrung müsse sich auf eine bestimmte Weise zeigen, beginne ich leicht genau danach zu suchen. Bei Reiki kann das Wärme, Kribbeln, innere Ruhe oder eine andere Empfindung sein. Ich habe für mich erfahren, dass solche Vorstellungen meine Aufmerksamkeit verändern können. Das bedeutet nicht, dass eine Wahrnehmung deshalb unecht sein muss. Doch es macht einen Unterschied, ob ich etwas offen erlebe oder ob ich innerlich bereits kontrolliere, ob das Richtige geschieht. Gerade dort ist mir immer wichtiger geworden, die Erfahrung zunächst stehen zu lassen. Wenn ich etwas wahrnehme, darf es da sein. Wenn nichts Besonderes geschieht, muss ich keinen Mangel daraus machen. Diese Offenheit fühlt sich für mich freier an als das ständige Prüfen, ob eine Erfahrung meinen Erwartungen entspricht.
Vielleicht liegt darin eine größere Frage, die weit über einzelne Situationen hinausgeht. Wie viel unseres Lebens erleben wir tatsächlich und wie viel davon vergleichen wir fortwährend mit einem inneren Entwurf? Wir erwarten, wie Erfolg aussehen müsste, wie Liebe sich anfühlen sollte, wann wir angekommen sein müssten und was ein erfülltes Leben enthalten sollte. Viele dieser Bilder entstehen nicht ausschließlich aus uns selbst. Wir übernehmen sie aus Familie, Gesellschaft, Medien und aus den Lebensentwürfen anderer Menschen. Das macht sie nicht automatisch falsch. Doch wenn ich nicht mehr erkenne, woher sie stammen, kann ich jahrelang versuchen, einem Leben näherzukommen, das vielleicht nie wirklich meines war. Dann wird Erwartung nicht nur zu einem Blick in die Zukunft. Sie wird zu einer stillen Kraft, die Entscheidungen lenkt, Wünsche sortiert und sogar bestimmt, was ich als Erfolg oder Scheitern empfinde.
Genau hier sehe ich eine Verbindung zu „Ich – Deine beste Lügnerin“. Beim Schreiben dieses Buches hat mich beschäftigt, wie überzeugend wir uns selbst Geschichten erzählen können, ohne bewusst unwahr zu sein. Erwartungen passen für mich genau in diesen Bereich. Ich kann vollkommen sicher sein, dass ich etwas brauche, weil es zu meiner Vorstellung eines guten Lebens gehört. Ich kann erwarten, dass ein Mensch sich verändern müsste, damit ich glücklich sein kann. Ich kann glauben, dass ein bestimmtes Ziel mir endlich jenes Gefühl geben wird, das mir heute fehlt. Erst wenn eine Erwartung sich nicht erfüllt, wird gelegentlich sichtbar, dass ich nicht nur auf etwas gehofft hatte. Ich hatte mein inneres Gleichgewicht bereits davon abhängig gemacht.
Heute möchte ich Erwartungen deshalb weder bekämpfen noch aus meinem Leben verbannen. Sie kommen ohnehin. Ich freue mich weiterhin auf Dinge, hoffe, plane und stelle mir Möglichkeiten vor. Aber ich merke schneller, wenn aus einer Vorstellung eine Forderung an das Leben wird. Dann interessiert mich der Augenblick, in dem etwas tatsächlich geschieht, wieder mehr als die Frage, ob es meinem Entwurf gerecht wird. Und hin und wieder entsteht daraus eine Erfahrung, die ich niemals hätte planen können. Ein Gespräch entwickelt sich anders und wird gerade dadurch tiefer. Ein Weg führt nicht dorthin, wo ich hinwollte, und öffnet etwas, das ich vorher nicht gesehen hatte. Vielleicht liegt darin für mich eine stille Freiheit: nicht ohne Erwartungen zu leben, sondern der Wirklichkeit noch genug Raum zu lassen, anders zu sein als das Bild, das ich bereits von ihr hatte.