Wenn wir uns selbst verlieren

Über Momente, in denen wir uns vom eigenen Weg entfernen

Wenn wir uns selbst verlieren

Wenn ich alte Fotos von mir betrachte, interessiert mich längst nicht mehr nur, wie ich damals ausgesehen habe. Viel stärker beschäftigt mich die Frage, wer ich zu diesem Zeitpunkt innerlich gewesen bin. Was wollte ich wirklich? Was habe ich nur getan, weil es von mir erwartet wurde? Welche Entscheidungen kamen aus mir und welche aus dem Wunsch, irgendwo hineinzupassen? Auf manchen Bildern erkenne ich mich sofort, auf anderen sehe ich einen Menschen, dessen Leben mir vertraut ist und der mir trotzdem überraschend fern vorkommt. Nicht weil zwischen ihm und mir viele Jahre liegen, sondern weil ich heute erkenne, wie leicht wir uns von uns selbst entfernen können, ohne irgendwohin zu gehen. Wir wachen nicht eines Morgens auf und stellen fest, dass wir uns verloren haben. Meist geschieht es leise. Ein kleines Nachgeben hier, eine übergangene Empfindung dort, ein Wunsch, den wir für unvernünftig erklären, eine Rolle, die wir immer besser erfüllen. Und irgendwann kennen wir vielleicht sehr genau das Leben, das wir führen, aber den Menschen darin kaum noch.

Ich habe dieses Sichverlieren lange mit großen Lebenskrisen verbunden. Mit Zusammenbrüchen, radikalen Veränderungen oder dem Gefühl, überhaupt nicht mehr zu wissen, wer man ist. Heute sehe ich es viel unspektakulärer. Ich kann mich verlieren, während äußerlich alles funktioniert. Ich erledige meine Aufgaben, treffe Menschen, halte Termine ein, lache, plane und beantworte die Frage, wie es mir geht, ohne lange überlegen zu müssen. Gerade darin kann die Entfernung zu mir selbst so gut verborgen bleiben. Ein funktionierendes Leben muss sich nicht falsch anfühlen. Es kann sogar angenehm sein, weil es vertraut geworden ist. Erst an kleinen Stellen entsteht eine Irritation. Dinge, auf die ich mich früher gefreut habe, berühren mich kaum noch. Ich sage Ja und merke erst Stunden später, dass etwas in mir Nein gemeint hatte. Ich habe freie Zeit und weiß plötzlich nicht, was ich mit ihr anfangen möchte, solange niemand etwas von mir erwartet.

Für mich beginnt dieser Verlust häufig dort, wo die eigene Wahrnehmung immer weniger Gewicht bekommt. Nicht weil ich bewusst gegen mich entscheide, sondern weil andere Stimmen oft schneller und deutlicher sind. Was wird gebraucht? Was wäre vernünftig? Was erwartet dieser Mensch von mir? Wie müsste ich reagieren, damit die Situation ruhig bleibt? Solche Fragen gehören zum Zusammenleben. Wir können nicht jede Entscheidung ausschließlich aus unseren eigenen Bedürfnissen treffen. Doch ich habe erfahren, dass sich das Verhältnis verschieben kann. Wenn ich oft genug zuerst nach außen höre, wird die innere Antwort irgendwann leiser. Dann weiß ich erstaunlich gut, wie ich auf andere wirke, welche Rolle ich erfülle und was von mir erwartet wird, während die einfache Frage „Was empfinde ich eigentlich selbst?“ ungewohnt schwierig geworden ist.

Besonders fein geschieht das in Beziehungen. Wir lernen einander kennen und passen uns auf natürliche Weise aneinander an. Wir nehmen Rücksicht, verändern Gewohnheiten, finden gemeinsame Formen. Das empfinde ich nicht als Verlust des eigenen Selbst, sondern als Teil von Nähe. Problematisch wird es für mich erst dort, wo Anpassung zur Voraussetzung für Zugehörigkeit wird. Wenn ich bestimmte Seiten von mir immer häufiger zurückhalte, weil ich befürchte, sie könnten stören. Wenn ich meine Bedürfnisse erst prüfe, bevor ich sie überhaupt als meine anerkenne. Wenn ich aufhöre, etwas anzusprechen, weil ich bereits weiß, wie der andere reagieren könnte. Solche Entscheidungen können einzeln vollkommen harmlos wirken. Doch viele kleine Selbstkorrekturen können irgendwann dazu führen, dass ein anderer Mensch einer Version von mir begegnet, die zwar leicht mit ihm leben kann, aber nicht mehr vollständig ich ist.

Auch Rollen können uns auf diese Weise weit von uns wegführen. Der Zuverlässige, der Starke, der Verständnisvolle, der Unabhängige, derjenige, der immer eine Lösung findet. Solche Rollen entstehen oft nicht ohne Grund. Sie bringen Anerkennung, geben Halt und können sehr lange gut funktionieren. Ich kenne das Bedürfnis, einem Bild treu zu bleiben, das andere von mir haben und das ich irgendwann selbst übernommen habe. Schwierig wird es, wenn eine Rolle keinen Platz mehr für das lässt, was sich verändert hat. Dann darf der Starke nicht müde sein, der Helfende keine Hilfe brauchen und der Ruhige keinen Ärger zeigen. Mit der Zeit kann eine Rolle so vertraut werden, dass ich sie nicht mehr spiele, sondern für meine Identität halte. Erst wenn sie zu eng wird, merke ich, wie viel von mir außerhalb dieses Bildes geblieben ist.

Ich habe außerdem festgestellt, dass wir uns nicht nur an Menschen verlieren können, sondern ebenso an Ziele und Vorstellungen. Ich kann jahrelang auf etwas hinarbeiten und irgendwann vergessen, weshalb ich überhaupt begonnen habe. Ein Ziel besitzt dann eine eigene Schwerkraft. Weil ich bereits so viel investiert habe, gehe ich weiter. Weil andere mich damit verbinden, behalte ich die Richtung bei. Weil das Erreichen einmal wichtig war, stelle ich nicht mehr die Frage, ob es mir heute noch etwas bedeutet. So kann sogar persönliche Entwicklung zu einer Entfernung von mir selbst werden. Ich arbeite daran, gelassener, bewusster, erfolgreicher oder spiritueller zu werden und bemerke kaum, dass hinter all diesen Verbesserungen ein Mensch steht, dem ich fortwährend vermittle, noch nicht richtig zu sein.

Gerade dort erkenne ich eine Verbindung zu „Ich – Deine beste Lügnerin“. Beim Schreiben dieses Buches hat mich immer wieder beschäftigt, wie selten wir uns durch offensichtlich falsche Geschichten verlieren. Häufig geschieht es durch Sätze, die durchaus vernünftig klingen. „Das ist nicht so wichtig.“ „Ich kann mich damit arrangieren.“ „So bin ich eben.“ „Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt.“ „Andere brauchen mich gerade mehr.“ Jeder dieser Sätze kann in einer bestimmten Situation stimmen. Doch er kann ebenso dazu dienen, etwas Eigenes immer wieder nach hinten zu schieben. Selbstmanipulation bedeutet für mich deshalb nicht nur, sich über die Wahrheit zu täuschen. Sie kann auch darin bestehen, die eigene Wahrheit so oft zu relativieren, bis sie im eigenen Leben kaum noch Gewicht besitzt.

Lange hatte ich gedacht, der Weg zurück zu sich selbst müsse mit einer großen Entscheidung beginnen. Heute erscheint mir das fast zu dramatisch. Ich habe für mich erfahren, dass Rückkehr oft an viel kleineren Stellen beginnt. In dem Augenblick, in dem ich merke, dass mich etwas stört, und es nicht sofort wegargumentiere. Wenn ich anerkenne, dass ich etwas vermisse, obwohl ich noch nicht weiß, was daraus folgen soll. Wenn ich zugebe, dass ein früherer Wunsch nicht mehr mein heutiger ist. Solche Momente verändern nicht sofort das ganze Leben. Sie stellen aber eine Verbindung wieder her. Etwas in mir bekommt wieder das Recht, wahrgenommen zu werden, ohne sich bereits erklären oder rechtfertigen zu müssen.

Heute denke ich deshalb anders über das Wort „verlieren“. Ich stelle mir nicht mehr vor, dass irgendwo in mir ein vollkommenes, unverändertes Selbst verborgen liegt, das ich nur wiederfinden müsste. Auch ich verändere mich. Was mir früher entsprach, muss heute nicht mehr stimmen. Vielleicht geht es weniger darum, einen alten Menschen in mir zurückzuholen, als wieder in Kontakt mit demjenigen zu kommen, der jetzt gerade da ist. Und wenn ich merke, dass mein Leben sehr laut geworden ist mit Erwartungen, Aufgaben und Bildern davon, wer ich sein sollte, frage ich mich gelegentlich nicht mehr, wie ich wieder zu mir zurückfinde. Ich frage mich etwas Einfacheres: An welcher Stelle habe ich zuletzt bemerkt, was in mir wahr war, und bin trotzdem daran vorbeigegangen?

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