Vor einiger Zeit stand ich in einer Buchhandlung und beobachtete, wie mein Blick durch ein Regal wanderte. Viele Bücher, viele Namen, manche mit auffälligen Hinweisen auf Verkaufszahlen oder Bekanntheit. Ich hatte gar nicht die Absicht, mich mit jemandem zu vergleichen, und trotzdem geschah es innerhalb weniger Sekunden. Wer wird gelesen? Wer erreicht mehr Menschen? Wer scheint weiter zu sein? Es war kein neidischer Gedanke und auch kein besonders unangenehmer. Eher eine fast automatische innere Bewegung, die meinen eigenen Platz plötzlich im Verhältnis zu anderen bestimmen wollte. Genau das fand ich interessant. Ich musste mich nicht bewusst für einen Vergleich entscheiden. Er war einfach da. Und während ich weiterging, fragte ich mich, wie oft wir unseren eigenen Wert, unseren Fortschritt oder sogar unsere Zufriedenheit erst dann beurteilen, wenn jemand anderes im selben inneren Raum auftaucht.
Vergleichen gehört wohl zu den selbstverständlichsten Arten, wie wir uns orientieren. Schon als Kinder lernen wir viel dadurch, dass wir beobachten, was andere können, wie sie reagieren und was in einer Gemeinschaft als normal gilt. Auch als Erwachsene brauchen wir Bezugspunkte. Ich kann schwer einschätzen, ob etwas viel oder wenig ist, schnell oder langsam, außergewöhnlich oder alltäglich, ohne es in irgendeinen Zusammenhang zu stellen. Darin liegt zunächst nichts Falsches. Der Vergleich kann informieren. Er kann mir zeigen, was möglich ist, mich inspirieren oder mir helfen, meine eigene Situation realistischer einzuschätzen. Schwieriger wird es für mich dort, wo aus Orientierung ein Urteil über mich selbst entsteht. Dann lautet die Frage nicht mehr nur: „Wo steht der andere?“ Plötzlich heißt sie: „Was sagt sein Leben über meines aus?“
Ich kenne diesen Wechsel sehr gut. Jemand erreicht etwas, das ich selbst gern erreichen würde, und für einen kurzen Moment verändert sich mein Blick auf das, was ich bereits habe. Eine Stunde zuvor konnte ich mit meiner Arbeit zufrieden sein. Dann sehe ich, was ein anderer geschaffen hat, und dieselbe Arbeit erscheint mir kleiner. Nichts an ihr hat sich objektiv verändert. Nur der Maßstab ist ein anderer geworden. Das finde ich bis heute bemerkenswert. Ein Vergleich kann etwas entwerten, ohne dass sich die Sache selbst verändert hat. Dasselbe geschieht auch in die andere Richtung. Wenn ich einem Menschen begegne, dem es schlechter geht als mir, kann mein eigenes Leben plötzlich leichter erscheinen. Beide Bewegungen zeigen mir, dass unser Empfinden von genug oder nicht genug erstaunlich abhängig davon werden kann, worauf wir gerade schauen.
Besonders deutlich wird das für mich bei Dingen, die sich nur schwer messen lassen. Erfolg lässt sich noch einigermaßen an Zahlen festmachen, obwohl auch dort vieles offenbleibt. Aber wie vergleiche ich Zufriedenheit, innere Ruhe, eine Beziehung, persönliche Entwicklung oder den eigenen Weg? Trotzdem versuche ich es. Der andere wirkt gelassener. Sie scheint glücklicher. Er hat sein Leben offensichtlich besser im Griff. Jemand wirkt spirituell weiter entwickelt, selbstsicherer, freier oder mehr bei sich angekommen. Doch ich sehe immer nur einen Ausschnitt. Ich kenne die sichtbare Oberfläche eines anderen Menschen und vergleiche sie mit meinem gesamten inneren Leben. Ich weiß von meinen Zweifeln, Fehlern, Ängsten und unausgesprochenen Fragen. Vom anderen sehe ich vor allem das, was nach außen gelangt. Schon deshalb kann dieser Vergleich kaum gerecht sein.
Unsere heutige Medienwelt verschärft diese Verschiebung für mich. Früher verglich ich mich vor allem mit Menschen, die tatsächlich Teil meines Lebens waren. Heute kann ich innerhalb weniger Minuten Hunderte Ausschnitte fremder Leben sehen. Reisen, Körper, Wohnungen, Beziehungen, berufliche Erfolge, kreative Arbeiten und scheinbar außergewöhnliche Erfahrungen stehen unmittelbar nebeneinander. Was dabei leicht verloren geht, ist die Normalität. Kaum jemand zeigt einen völlig gewöhnlichen Dienstag, an dem nichts gelingt, die Wohnung unordentlich ist, die eigene Stimmung mittelmäßig und das Leben weder tief noch besonders inspirierend erscheint. Ich nehme das niemandem übel. Wir zeigen eben eher, was wir zeigen möchten. Aber wenn ich diese Auswahl vergesse, kann aus vielen einzelnen Höhepunkten anderer Menschen unbemerkt ein Maßstab für meinen gewöhnlichen Alltag entstehen.
Noch interessanter finde ich, wie schnell Vergleich zu Identität wird. Ich bin dann nicht mehr einfach dort, wo ich gerade bin. Ich bin weiter oder weniger weit als jemand anderes. Erfolgreicher, weniger erfolgreich, bewusster, älter, jünger, erfahrener, langsamer. Mein Leben bekommt plötzlich einen Rang. Dabei habe ich mit der Zeit verstanden, wie wenig solche Rangordnungen oft aussagen. Menschen beginnen unter völlig unterschiedlichen Voraussetzungen. Sie tragen andere Erfahrungen, Möglichkeiten, Verantwortungen und innere Geschichten mit sich. Zwei Wege können äußerlich ähnlich aussehen und innerlich etwas vollkommen anderes bedeuten. Wenn ich mich nur an einem sichtbaren Ergebnis orientiere, verliere ich leicht den Zusammenhang meines eigenen Weges.
Genau dort erkenne ich eine Verbindung zu „Ich – Deine beste Lügnerin“. Beim Schreiben hat mich immer wieder beschäftigt, wie wir aus Beobachtungen Geschichten über uns selbst formen. Ein anderer Mensch muss gar nichts gegen mich tun. Es genügt, dass er etwas besitzt oder erreicht, das in mir eine alte Unsicherheit berührt. Schon beginnt die innere Stimme zu erzählen: Du bist zu spät. Du hast zu wenig erreicht. Andere können das besser. Du müsstest längst weiter sein. Das Faszinierende daran ist, dass solche Gedanken wie nüchterne Feststellungen wirken können, obwohl sie oft nur eine Interpretation sind. Der Vergleich liefert einen Auslöser, und mein Denken baut daraus ein Urteil über mich.
Ich habe für mich gelernt, dass Vergleiche auch etwas über meine eigenen Sehnsüchte verraten können. Neid oder Unruhe sind nicht angenehm, aber sie enthalten gelegentlich eine Information. Wenn mich das Leben eines anderen Menschen besonders berührt, interessiert mich inzwischen weniger, ob ich mich dafür schämen müsste. Ich frage mich eher, was genau mich daran trifft. Ist es wirklich sein Erfolg oder erinnert er mich an etwas, das ich selbst lange zurückgestellt habe? Beneide ich die Reise oder die Freiheit, die ich damit verbinde? Den beruflichen Erfolg oder das Gefühl, mit etwas Eigenem gesehen zu werden? In solchen Momenten wird der Vergleich für mich weniger zu einem Urteil über meinen Wert und mehr zu einem Hinweis darauf, was in mir selbst gerade Aufmerksamkeit sucht.
Und doch gibt es eine Grenze, an der Vergleichen seinen Sinn verliert. Mein Leben lässt sich nicht gewinnen. Es gibt keinen gemeinsamen Endpunkt, an dem wir alle nebeneinanderstehen und jemand feststellt, wer es am besten gemacht hat. Je älter ich werde, desto fremder wird mir diese Vorstellung. Ich sehe Menschen, die Dinge erreicht haben, von denen ich früher dachte, sie müssten automatisch glücklich machen, und erkenne, dass jedes Leben seine eigene Mischung aus Erfüllung, Verlust, Zweifel und Freude trägt. Dann wird mir bewusst, wie seltsam es eigentlich ist, meinen Weg ständig nach den sichtbaren Abschnitten fremder Wege zu beurteilen. Wenn ich heute wieder merke, dass mein Blick nach links und rechts wandert, denke ich gelegentlich an diese Buchhandlung zurück. An all die Rücken nebeneinander im Regal. Jeder trägt einen anderen Titel, eine andere Geschichte, eine andere Anzahl von Seiten. Und keiner dieser Bücher wird besser, nur weil er aufhört, ein anderes zu sein.