Irgendwann lagen vor mir mehrere Blätter, Notizen und Unterlagen aus verschiedenen Phasen meiner Beschäftigung mit Reiki. Manche davon waren viele Jahre alt. Auf ihnen standen Abläufe, Begriffe, Handpositionen, Erklärungen und Dinge, die mir zu ihrer Zeit wichtig erschienen waren. Ich blätterte darin und bemerkte etwas Eigenartiges: Je länger ich Reiki kannte, desto weniger brauchte ich von all dem, um mich ihm verbunden zu fühlen. Das überraschte mich, denn normalerweise erwarten wir vom Lernen das Gegenteil. Wir sammeln Wissen, werden genauer, erweitern unser Können und verfügen nach Jahren über mehr als am Anfang. Bei Reiki schien mein Weg irgendwann in eine andere Richtung zu führen. Ich hatte mehr kennengelernt und begann gleichzeitig, wieder etwas wegzulassen. Nicht aus Ablehnung dessen, was mich begleitet hatte, sondern weil ich immer deutlicher spürte, dass unter all den Formen etwas sehr Einfaches lag. Etwas, das nicht komplizierter wurde, je länger ich mich damit beschäftigte, sondern stiller. Aus dieser Erfahrung ist für mich der Gedanke entstanden, den ich später „New Reiki – Zurück zum Ursprung“ genannt habe.
Das Wort Ursprung bedeutet dabei für mich nicht, eine historische Form von Reiki rekonstruieren zu wollen oder zu behaupten, irgendwann habe es eine vollkommen reine Methode gegeben, zu der wir nur zurückkehren müssten. Geschichte ist komplexer als solche einfachen Vorstellungen, und auch spirituelle Traditionen verändern sich, sobald Menschen sie weitergeben. Mein Ursprung liegt deshalb an einem anderen Ort. Ich meine den Augenblick vor der Erklärung. Bevor ich entscheide, was ich fühlen müsste. Bevor ich eine Empfindung einem System zuordne. Bevor jemand anderes mir sagt, ob eine Erfahrung richtig, stark oder bedeutend genug ist. Mich interessiert dieser erste unmittelbare Kontakt mit dem eigenen Erleben. Was geschieht, wenn ich nicht zuerst nach dem Gelernten greife, sondern wahrnehme, was tatsächlich da ist?
Für mich war das keine kleine Veränderung. Viele Jahre hatte Wissen selbstverständlich einen wichtigen Platz in meiner Beschäftigung mit Reiki. Wenn ich etwas lerne, möchte ich verstehen, wie es gedacht ist, welche Erfahrungen andere Menschen damit gemacht haben und welche Formen sich daraus entwickelt haben. Gleichzeitig bemerkte ich irgendwann, dass Wissen auch zwischen mich und eine Erfahrung treten kann. Wenn ich bereits weiß, dass Wärme auftreten soll, achte ich auf Wärme. Wenn ich eine bestimmte Reaktion erwarte, bemerke ich besonders leicht alles, was zu dieser Erwartung passt. Das bedeutet nicht, dass die Wahrnehmung dadurch unwahr wird. Aber ich kann schwer unterscheiden, was unmittelbar entstanden ist und was bereits von meiner Vorstellung begleitet wurde. Mit der Zeit wurde mir deshalb ein einfacher Satz immer wichtiger: Erst wahrnehmen, dann erklären.
Gerade in der Spiritualität empfinde ich diese Reihenfolge als wertvoll. Dort bewegen wir uns häufig in Bereichen, die sich nicht so eindeutig überprüfen lassen wie ein messbarer äußerer Vorgang. Ich kann beschreiben, was ich empfinde, aber daraus nicht automatisch ableiten, dass jeder andere Mensch dasselbe erfahren muss. Ich kann von Energie sprechen, weil dieses Wort für meine persönliche Wahrnehmung Bedeutung besitzt, ohne daraus den Anspruch abzuleiten, jede Empfindung eindeutig erklären zu können. Ich habe für mich erfahren, dass diese Zurückhaltung meiner Beziehung zu Reiki nichts genommen hat. Sie hat sie sogar vertieft. Ich brauche eine Erfahrung nicht größer zu machen, als sie ist. Wenn etwas kaum wahrnehmbar ist, darf es fein bleiben. Wenn ich nichts Besonderes bemerke, muss daraus kein Mangel entstehen. Und wenn etwas intensiv ist, muss ich es nicht sofort zum Beweis für eine bestimmte Vorstellung erklären.
Mit dieser Haltung veränderte sich auch mein Verhältnis zu Techniken, Symbolen und festen Abläufen. Ich betrachte sie nicht grundsätzlich als falsch. Formen können Menschen helfen, Aufmerksamkeit zu bündeln und einer Erfahrung einen Rahmen zu geben. Doch ich begann mich zu fragen, was geschieht, wenn der Rahmen selbst zur Voraussetzung erklärt wird. Wenn ich irgendwann glaube, ohne eine bestimmte Form könne ich gar keinen Zugang mehr besitzen. Dann entsteht für mich eine Abhängigkeit, die meiner eigenen Erfahrung zunehmend weniger zutraut. Genau dort setzt mein Verständnis von New Reiki an. Nicht indem ich eine alte Technik durch eine neue ersetze, sondern indem ich die Frage stelle, wie viel Technik überhaupt nötig ist, bevor wir anfangen, unserer unmittelbaren Wahrnehmung zu vertrauen.
Noch stärker beschäftigt mich diese Frage dort, wo es um spirituelle Autorität geht. Ich habe nichts gegen Lehrer. Menschen können Wissen vermitteln, Erfahrungen teilen, Fragen öffnen und uns auf Dinge aufmerksam machen, die wir allein vielleicht lange übersehen hätten. Schwieriger wird es für mich, wenn aus Begleitung eine Vorstellung entsteht, nach der ein anderer Mensch grundsätzlich über den Zugang zu meiner eigenen spirituellen Erfahrung verfügt. Seit meiner Jugend beschäftigt mich die Frage, wie viel von dem, was wir spirituell suchen, tatsächlich außerhalb von uns liegt und wie viel wir nur dort suchen, weil wir gelernt haben, dem Äußeren mehr zu vertrauen als unserer eigenen Wahrnehmung. Für mich wurde Reiki über die Jahre immer weniger zu etwas, das jemand besitzt und weitergibt, und immer mehr zu einem Raum, in dem Eigenverantwortung beginnt.
Dabei bedeutet Eigenverantwortung für mich nicht, alles allein wissen zu müssen. Im Gegenteil. Sie schließt Zweifel ausdrücklich ein. Wenn ich selbst wahrnehme, kann ich mich irren. Erwartungen können meine Erfahrung beeinflussen, ebenso Erinnerungen, körperliche Reaktionen oder meine Stimmung. Genau deshalb finde ich es wichtig, nicht aus jedem inneren Eindruck eine absolute Wahrheit zu machen. Doch die Möglichkeit des Irrtums ist für mich kein Grund, die eigene Wahrnehmung abzugeben. Sie ist vielmehr ein Grund, genauer hinzusehen. Ich muss nicht zwischen blindem Glauben und vollständiger Ablehnung wählen. Dazwischen liegt ein großer Raum, in dem ich erleben, prüfen, offenlassen und später neu betrachten kann. Dieser Raum fühlt sich für mich wesentlich lebendiger an als eine fertige Antwort.
Aus dieser Entwicklung heraus entstand schließlich auch mein Buch „New Reiki – Zurück zum Ursprung“. Es ist für mich weniger der Versuch, den Menschen noch mehr über Reiki beizubringen, als sie an eine Frage zu erinnern, die leicht verloren geht: "Was bleibt übrig, wenn ich alles beiseitelege, von dem mir gesagt wurde, dass es unbedingt zwischen mir und meiner eigenen Erfahrung stehen müsse?" Genau deshalb spielt auch der Gedanke der Selbsteinweihung darin eine wichtige Rolle. Ich verstehe ihn nicht als spektakulären Akt und ebenso wenig als Behauptung, jeder Mensch müsse etwas Bestimmtes erleben. Für mich berührt er vielmehr die Frage, ob spirituelle Verbindung immer erst von außen legitimiert werden muss oder ob es einen Punkt gibt, an dem ich Verantwortung für meine eigene Wahrnehmung übernehme. Das Buch ist aus meiner persönlichen Antwort auf diese Frage entstanden, nicht aus dem Anspruch, sie für jeden anderen Menschen endgültig beantworten zu können.
Wenn ich heute an „Zurück zum Ursprung“ denke, sehe ich deshalb keinen Weg zurück. Eigentlich ist es eher ein Weg durch all das hindurch, was sich im Laufe der Jahre angesammelt hat. Wissen bleibt. Erfahrung bleibt. Auch Zweifel bleiben. Nur die Vorstellung wird leiser, dass zwischen mir und dem unmittelbaren Erleben zwangsläufig etwas stehen müsse. Und manchmal kommt mir dabei ein sehr einfaches Bild: Ich suche lange nach einer Quelle, folge Karten, höre auf Beschreibungen anderer und versuche herauszufinden, welcher Weg der richtige ist. Irgendwann bleibe ich stehen und höre Wasser. Nicht irgendwo weit entfernt. Direkt unter meinen Füßen. Vielleicht bedeutet Ursprung für mich genau das: "Nicht alles zu vergessen, was ich gelernt habe, sondern still genug zu werden, um wieder zu bemerken, was darunter nie aufgehört hat, da zu sein."