Es war kein Reiki Moment, in dem mir dieser Gedanke zum ersten Mal wirklich nahekam. Ich stand in meiner Küche, hatte beide Hände um eine warme Tasse gelegt und bemerkte, wie selbstverständlich mein Körper auf diese einfache Berührung reagierte. Die Wärme zog in die Finger, meine Schultern wurden etwas weicher, mein Atem ruhiger. Nichts Besonderes geschah, und gerade deshalb blieb ich daran hängen. Ich musste nichts können, nichts vorbereiten und nichts richtig machen. Ich war einfach da und nahm wahr. In diesem ganz gewöhnlichen Augenblick wurde mir erneut bewusst, wie oft wir das Naheliegende übersehen, sobald wir gelernt haben, dass eine Erfahrung einen besonderen Namen, einen besonderen Rahmen oder eine besondere Voraussetzung braucht. Bei Reiki hat mich genau diese Frage über Jahre begleitet: Was davon ist wirklich weit entfernt von uns und was haben wir nur so lange als etwas Besonderes betrachtet, bis wir vergessen haben, wie unmittelbar Wahrnehmung eigentlich beginnt?
Als ich Reiki kennenlernte, begegnete ich natürlich auch Vorstellungen darüber, wie ein Zugang dazu aussieht. Es gab Begriffe, Erklärungen, Erfahrungen anderer Menschen und Formen, die Orientierung gaben. Das war für mich damals keineswegs bedeutungslos. Wenn wir etwas Neues betreten, kann es hilfreich sein, einen Rahmen zu haben. Doch im Laufe der Zeit veränderte sich meine Aufmerksamkeit. Ich interessierte mich weniger dafür, ob eine Erfahrung einem bekannten Bild entsprach, und stärker dafür, was tatsächlich in mir geschah. Dabei fiel mir auf, dass ich vieles längst kannte, bevor ich es Reiki genannt hatte. Die Wärme einer Hand auf einer schmerzenden Stelle. Das Bedürfnis, bei einem erschöpften Menschen einfach still zu sitzen. Die Veränderung, die entsteht, wenn ich nicht sofort etwas lösen will, sondern mit voller Aufmerksamkeit da bleibe. Ich sage nicht, dass jede dieser Erfahrungen automatisch Reiki ist. Aber sie haben mir gezeigt, dass die Grundlage für unmittelbare Wahrnehmung nichts Fremdes ist.
Vielleicht entsteht die Vorstellung von Unerreichbarkeit auch deshalb so leicht, weil wir Besonderes gern an besondere Bedingungen knüpfen. Was wertvoll ist, muss selten sein. Was tief ist, muss schwer zugänglich sein. Was spirituell ist, braucht scheinbar eine Schwelle, die nicht jeder einfach überschreiten kann. Ich habe mich lange gefragt, warum uns dieser Gedanke so vertraut vorkommt. Vielleicht gibt er einer Erfahrung Gewicht. Wenn ich etwas erst erwerben, verdienen oder freigeschaltet bekommen muss, erscheint es kostbarer. Doch innerlich begann sich bei mir irgendwann Widerstand zu regen. Nicht gegen Wissen oder Begleitung, sondern gegen die Vorstellung, dass ein anderer Mensch grundsätzlich näher an meiner eigenen Wahrnehmung sein könnte als ich selbst.
Das heißt für mich nicht, jede innere Regung zur Wahrheit zu erklären. Gerade weil ich mich seit meiner Jugend mit Spiritualität, Bewusstsein und Wahrnehmung beschäftige, habe ich gelernt, wie leicht Erwartung und Erfahrung ineinanderfließen können. Wenn ich unbedingt Wärme spüren möchte, achte ich stärker auf Wärme. Wenn mir jemand sagt, an einer bestimmten Stelle müsse etwas geschehen, verändert dieses Wissen meine Aufmerksamkeit. Deshalb ist für mich die eigene Wahrnehmung nicht unfehlbar. Sie ist aber trotzdem der einzige Ort, an dem meine Erfahrung tatsächlich stattfindet. Ich kann sie prüfen, hinterfragen und mit Wissen verbinden. Was ich nicht tun kann, ist sie an jemand anderen delegieren. Niemand kann mir endgültig sagen, was ich in einem stillen Moment erlebt habe, wenn ich selbst gar nicht mehr hinschaue.
Genau darin liegt für mich heute eine besondere Einfachheit. Reiki beginnt nicht erst dort, wo etwas Außergewöhnliches geschieht. Es beginnt für mich viel früher, in dieser Bereitschaft, überhaupt wahrzunehmen. Ich kann meine Hände auf meinen Körper legen und zunächst nur spüren, dass sie dort liegen. Ich kann bemerken, dass eine Stelle warm ist und eine andere kaum auffällt. Ich kann Unruhe wahrnehmen, Müdigkeit, Leere oder gar nichts Besonderes. Früher hätte ich manche dieser Erfahrungen möglicherweise für zu wenig gehalten. Heute empfinde ich sie nicht mehr als Mangel. Ich habe für mich erfahren, dass Tiefe nicht unbedingt dort entsteht, wo die stärkste Empfindung auftaucht. Oft beginnt sie dort, wo ich aufhöre, meine Erfahrung mit einer Vorstellung zu vergleichen.
Dieser Gedanke verändert auch die Bedeutung von Vertrauen. Vertrauen heißt für mich nicht, blind an eine unsichtbare Kraft zu glauben. Es bedeutet eher, meiner eigenen Erfahrung genügend Raum zu geben, bevor ich sie wegwerte oder von außen definieren lasse. Das ist etwas sehr Nüchternes. Wenn ich nichts spüre, dann ist genau das mein Ausgangspunkt. Wenn ich etwas wahrnehme, muss ich daraus nicht sofort eine große Erklärung machen. Diese Haltung hat für mich viel Freiheit geschaffen, weil ich nicht mehr ständig zwischen „richtig“ und „falsch“, „stark“ und „schwach“, „spirituell“ und „nicht spirituell“ unterscheiden muss. Ich kann zuerst erleben und erst später fragen, was ich davon verstehe.
Mit der Zeit wurde mir auch klar, dass wir uns durch Vergleiche leicht von uns selbst entfernen. Jemand erzählt von intensiven Empfindungen, von Bildern oder von starken körperlichen Reaktionen, und schon kann die eigene stille Erfahrung unscheinbar wirken. Ich kenne diesen Impuls. Doch was sagt die Intensität eines Erlebnisses wirklich über seine Bedeutung aus? Eine laute Erfahrung ist zunächst nur laut. Eine leise Erfahrung ist nicht automatisch weniger wertvoll. Gerade bei Reiki habe ich gelernt, diese Hierarchie zunehmend loszulassen. Für mich fühlt es sich heute ehrlicher an, einen kaum merklichen Moment vollständig wahrzunehmen, als einer besonderen Erfahrung hinterherzulaufen, die vielleicht gar nicht meine ist.
An diesem Punkt führt mich das Thema unmittelbar zu „New Reiki – Zurück zum Ursprung“. Der Titel beschreibt für mich keinen Weg zurück zu einer vermeintlich reineren Vergangenheit. Er beschreibt die Bewegung zurück zur eigenen unmittelbaren Erfahrung. Mich interessiert dabei weniger, wie viel jemand über Reiki weiß, als die Frage, was übrig bleibt, wenn Erwartungen und äußere Sicherheiten leiser werden. Für mich bleibt ein Mensch, der wahrnimmt. Ein Körper, der reagiert. Aufmerksamkeit, die sich verändert. Berührung, Stille und das ehrliche Eingeständnis, dass nicht jede Erfahrung erklärt werden muss. Genau darin liegt für mich der Ursprung, nicht als Dogma, sondern als Rückkehr zu etwas, das nie vollständig verloren war.
Vielleicht war deshalb auch das Wort „Zugang“ für mich irgendwann nicht mehr ganz passend. Es klingt, als läge Reiki hinter einer Tür, zu der man erst einen Schlüssel erhalten müsste. Meine eigene Erfahrung hat mich eher zu einem anderen Bild geführt. Ich denke an einen Raum, in dem ich längst stehe, während ich noch nach dem Eingang suche. Ich frage andere, wo die Tür ist, studiere Pläne und überlege, welche Voraussetzungen mir fehlen. Und irgendwann merke ich, dass ich die ganze Zeit bereits darin war. Nicht mit allen Antworten, nicht mit einer endgültigen Wahrheit und nicht mit dem Anspruch, etwas Besonderes zu besitzen. Nur mit meiner eigenen Fähigkeit, still zu werden und wahrzunehmen.
Heute berührt mich genau diese Schlichtheit am meisten. Ich brauche Reiki nicht größer zu machen, damit es Bedeutung bekommt. Es muss nicht fern, geheim oder schwer erreichbar sein. Für mich liegt etwas sehr Schönes in dem Gedanken, dass ich keine Entfernung überwinden muss, um mir selbst näher zu kommen. Ich kann mitten in einem gewöhnlichen Tag innehalten, meine Hände spüren, den eigenen Atem bemerken und für einen Augenblick nichts beweisen. Und gelegentlich denke ich dann: Vielleicht bestand die eigentliche Entfernung nie zwischen mir und Reiki. Vielleicht lag sie nur zwischen mir und dem Vertrauen, meiner eigenen Wahrnehmung wieder zuzuhören.