Vor einiger Zeit fiel mir beim Aufräumen ein altes Blatt in die Hände, auf dem ich irgendwann einmal aufgeschrieben hatte, was ich in meinem Leben erreichen wollte. Einige Punkte hatten sich erfüllt, andere waren längst bedeutungslos geworden, und manches las sich wie die Beschreibung eines Menschen, den ich heute kaum noch in mir erkenne. Was mich daran beschäftigte, war jedoch nicht die Frage, wie sehr ich mich verändert hatte. Es war etwas anderes. Ich sah diese alten Wünsche und fragte mich, wie viele davon wirklich aus mir entstanden waren. Wie viele hatte ich verfolgt, weil sie mich innerlich bewegten, und wie viele deshalb, weil sie zu einer Vorstellung davon passten, wie ein gelungenes Leben aussehen sollte? Dieser Gedanke blieb bei mir. Irgendwann formte sich daraus ein Satz, der sich fast so anhörte, als würde ein Teil von mir selbst zu mir sprechen: Du hast mich nie wirklich gesucht. Du hast nach Antworten gesucht, nach Sicherheit, nach einem Platz in der Welt. Aber hast du jemals wirklich nach mir gesucht?
Dieser Satz war unangenehm, weil ich mich selbst immer als einen suchenden Menschen erlebt hatte. Seit meiner Jugend beschäftigen mich Fragen nach Spiritualität, Bewusstsein, Wahrnehmung und dem, was unter der Oberfläche unseres Lebens liegt. Ich habe gelesen, beobachtet, erfahren, verworfen und neu gefragt. Es wäre leicht gewesen, daraus zu schließen, dass ich mich selbstverständlich auch selbst gesucht hätte. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto unsicherer wurde ich. Denn Suche kann viele Formen annehmen. Ich kann nach Erklärungen suchen, die mir sagen, warum ich so bin, wie ich bin. Ich kann nach Methoden suchen, die mich verändern sollen. Ich kann nach Menschen suchen, die mir bestätigen, dass mein Weg richtig ist. Ich kann nach einer Vorstellung von mir suchen, die mir besser gefällt als der Mensch, der gerade da ist. All das kann sich wie Selbsterkenntnis anfühlen, obwohl ich mich dabei vielleicht nur immer weiter um mich selbst herum bewege.
Besonders deutlich erkenne ich das in der Frage, wer ich sein wollte. Lange Zeit erschien mir Identität wie etwas, das gefunden werden müsste. Irgendwo musste doch dieses eigentliche Ich liegen, verborgen unter Erfahrungen, Erwartungen und Prägungen. Wenn ich nur tief genug schaue, müsste ich irgendwann darauf stoßen. Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob das so funktioniert. Was, wenn ich bei dieser Suche unbemerkt bereits eine Vorstellung davon mitbringe, wen ich finden möchte? Einen ruhigeren Menschen, einen freieren, einen mutigeren, einen spirituelleren, einen, der weniger zweifelt und besser mit sich im Einklang ist. Dann suche ich nicht mehr offen. Ich durchsuche mich nach Beweisen für ein Ideal. Alles, was nicht dazu passt, empfinde ich schnell als etwas, das noch bearbeitet, geheilt oder überwunden werden müsste.
Das hat für mich eine eigenartige Seite persönlicher Entwicklung sichtbar gemacht. Sie kann sehr schnell zu einer höflichen Form der Ablehnung des eigenen gegenwärtigen Lebens werden. Ich möchte wachsen, mich verstehen und bewusster werden, doch unter diesem Wunsch kann sich die stille Annahme verbergen, dass ich so, wie ich gerade bin, noch nicht genüge. Dann wird jedes innere Thema zum nächsten Projekt. Eine Angst muss verschwinden. Eine Unsicherheit muss geklärt werden. Ein altes Muster soll endlich aufhören. Natürlich gibt es Dinge, die ich verändern möchte, und ich sehe darin nichts Falsches. Aber ich habe bei mir erfahren, dass Veränderung anders wird, wenn sie nicht mehr aus der ständigen Unzufriedenheit mit mir selbst entsteht. Es macht einen Unterschied, ob ich etwas in mir kennenlernen oder möglichst schnell loswerden möchte.
Vielleicht habe ich deshalb lange mehr nach Erklärungen als nach mir selbst gesucht. Eine Erklärung gibt Ordnung. Sie sagt mir, woher ein Verhalten kommt, welches Muster dahintersteckt und weshalb ich in einer bestimmten Situation so reagiert habe. Das kann sehr hilfreich sein. Doch irgendwann bemerkte ich, dass ich mich hervorragend erklären und trotzdem übergehen konnte. Ich wusste, weshalb ich eine Grenze nicht gesetzt hatte, aber ich setzte sie weiterhin nicht. Ich verstand, warum mich etwas verletzte, und erlaubte mir trotzdem kaum, diese Verletzung wirklich zu fühlen. Ich konnte meine eigenen Muster in Worte fassen und blieb dennoch in ihnen. Wissen über mich war nicht dasselbe wie Nähe zu mir. Diese Unterscheidung hat mich tief beschäftigt, weil sie mir gezeigt hat, wie leicht Selbsterkenntnis zu einer weiteren Tätigkeit des Kopfes werden kann.
Wenn ich heute darüber nachdenke, was es bedeuten könnte, mich wirklich zu suchen, dann entsteht kein Bild von einer verborgenen Wahrheit, die irgendwo in mir wartet. Eher denke ich an jene Stellen, an denen ich mich selbst gewöhnlich verlasse. Wenn ich ein Gefühl sofort korrigiere, weil es nicht vernünftig genug erscheint. Wenn ich einen Wunsch kleiner rede, bevor überhaupt jemand anders ihn ablehnen kann. Wenn ich mich anpasse und später behaupte, es sei mir ohnehin nicht wichtig gewesen. Wenn ich eine Entscheidung treffe, die hervorragend zu meinem Selbstbild passt, aber innerlich etwas zurückbleibt, das nicht mitgekommen ist. Vielleicht zeigt sich das, was ich suche, nicht in großen Offenbarungen. Vielleicht zeigt es sich genau in diesen kleinen Momenten, in denen ich merke, dass etwas von mir keinen Platz bekommen hat.
An diesem Punkt begegnet mir auch „Ich – Deine beste Lügnerin“ auf eine sehr unmittelbare Weise. Beim Schreiben dieses Buches hat mich immer wieder beschäftigt, dass Selbsttäuschung nicht wie eine fremde Kraft wirkt. Sie spricht mit unserer eigenen Stimme. Sie benutzt unsere guten Gründe, unsere Erfahrungen und die Bilder, die wir von uns haben. Gerade deshalb können wir jahrelang glauben, auf dem Weg zu uns selbst zu sein, während wir in Wahrheit vor allem nach einer Version von uns suchen, mit der wir leichter leben können. Die innere Lügnerin sagt nicht unbedingt: „Sei jemand anderes.“ Sie kann viel freundlicher klingen: „So bist du eben.“ „Das passt nicht zu dir.“ „Du brauchst das nicht.“ „Das ist vernünftiger.“ Und während ich diesen Sätzen glaube, bleibt die Frage, was tatsächlich in mir lebt, erstaunlich leise.
Ich habe gelernt, dass diese leisere Ebene nicht immer angenehm ist. Wenn ich mich nicht sofort erkläre, können widersprüchliche Dinge nebeneinanderstehen. Ich kann jemanden lieben und trotzdem Abstand brauchen. Ich kann dankbar sein und dennoch unzufrieden. Ich kann einen Weg lange gewählt haben und heute nicht mehr auf ihm weitergehen wollen. Ich kann stark wirken und müde sein. Früher wollte ich solche Widersprüche schneller auflösen, weil sie nicht zu einem klaren Bild von mir passten. Inzwischen empfinde ich sie als sehr menschlich. Vielleicht besteht Nähe zu mir selbst nicht darin, endlich eine eindeutige Antwort auf die Frage zu finden, wer ich bin. Vielleicht beginnt sie dort, wo ich aufhöre, nur jene Teile von mir anzuerkennen, die gut miteinander zusammenpassen.
Der Satz „Du hast mich nie wirklich gesucht“ klingt für mich deshalb heute weniger wie ein Vorwurf. Eher wie eine Einladung, die Richtung meiner Aufmerksamkeit zu verändern. Nicht noch weiter nach innen zu graben, nicht eine neue Methode zu finden und auch nicht endlich die eine Wahrheit über mich zu entdecken. Eher dort zu bleiben, wo ich gewöhnlich zu schnell weitergehe. Bei einem Nein, das ich sofort relativiere. Bei einer Freude, die keinen vernünftigen Zweck hat. Bei einer Müdigkeit, die ich nicht rechtfertigen muss. Bei einer Sehnsucht, für die ich noch keine Erklärung besitze. Vielleicht liegt dort nichts Großes verborgen. Vielleicht wartet dort kein vollkommenes wahres Selbst, das eines Tages gefunden werden will. Aber gelegentlich habe ich das Gefühl, dass ich mir in genau solchen Augenblicken näher bin als in all den Jahren, in denen ich so beschäftigt damit war, herauszufinden, wer ich eigentlich sein sollte.