Macht sein – Macht haben

Der Unterschied und was er in uns bewirkt

Macht sein – Macht haben

Ich erinnere mich an eine Situation, in der mehrere Menschen über eine Entscheidung diskutierten und einer von ihnen ganz offensichtlich die größte formale Macht im Raum besaß. Er konnte bestimmen, was am Ende geschehen würde. Er sprach viel, erklärte seine Position, unterbrach andere und ließ keinen Zweifel daran, wer das letzte Wort hatte. Mich beeindruckte daran weniger seine Autorität als etwas, das mir erst später bewusst wurde: Je stärker er seine Macht zeigen musste, desto weniger kraftvoll wirkte er auf mich. Ein anderer Mensch in diesem Raum sprach kaum. Als er schließlich etwas sagte, war es ruhig, klar und ohne den Versuch, jemanden zu überwältigen. Der Satz veränderte die Stimmung sofort. Niemand musste ihm gehorchen, und trotzdem hörten alle zu. Auf dem Heimweg ging mir dieser Unterschied nicht mehr aus dem Kopf. Der eine hatte Macht. Der andere schien etwas zu sein, das ich damals noch nicht benennen konnte. Heute würde ich sagen: Er stand in seiner eigenen Macht, ohne sie vorführen zu müssen.

Seitdem beschäftigt mich die Frage, ob wir Macht vielleicht zu oft nur dort erkennen, wo sie sichtbar ausgeübt wird. Wir sehen Positionen, Besitz, Reichweite, Einfluss und die Möglichkeit, Entscheidungen für andere zu treffen. All das ist reale Macht. Sie kann schützen, gestalten, Verantwortung übernehmen und ebenso missbraucht werden. Doch sie ist immer an Bedingungen gebunden. Eine Position kann verloren gehen, Geld kann verschwinden, Einfluss kann sich verändern und Menschen können aufhören, einem zu folgen. Was mich daran interessiert, ist deshalb weniger die Frage, wie viel Macht jemand besitzt, sondern was von ihm übrig bleibt, wenn die äußeren Möglichkeiten, etwas durchzusetzen, plötzlich nicht mehr vorhanden sind. Wer bin ich, wenn niemand auf mich hören muss? Wie sicher bin ich in einer Entscheidung, wenn niemand sie bewundert? Wie viel von meiner Stärke bleibt, wenn ich nichts kontrollieren kann?

Ich kenne aus mir selbst den Wunsch, Situationen beeinflussen zu wollen, obwohl ich ihn früher nicht unbedingt als Machtbedürfnis erkannt hätte. Es kann schon darin beginnen, dass ich möchte, dass ein anderer Mensch mich richtig versteht. Ich erkläre mich noch einmal, formuliere genauer und merke irgendwann, dass ich längst nicht mehr nur verstanden werden möchte. Ich möchte, dass der andere meine Sicht übernimmt. Oder ich versuche, eine Reaktion zu vermeiden, indem ich meine Worte so wähle, dass möglichst nichts Unangenehmes entsteht. Auch das ist eine Form von Kontrolle. Sie wirkt viel freundlicher als ein Befehl, berührt aber denselben Wunsch: Die Wirklichkeit soll sich möglichst so entwickeln, dass ich mich darin sicher fühle. Erst mit der Zeit habe ich erkannt, wie leicht Macht haben mit dem Bedürfnis verwechselt werden kann, Unsicherheit nicht aushalten zu müssen.

Macht sein fühlt sich für mich anders an. Schon der Ausdruck ist ungewöhnlich, weil Macht normalerweise etwas ist, das wir besitzen oder ausüben. Wenn ich von Macht sein spreche, meine ich keinen überlegenen Zustand und auch keine spirituelle Vorstellung davon, unangreifbar zu werden. Für mich beginnt diese Form von Macht dort, wo ich nicht mehr jeden äußeren Umstand brauche, um innerlich bei mir bleiben zu können. Ich kann eine andere Meinung hören, ohne dass meine eigene dadurch sofort bedroht wird. Ich kann ein Nein bekommen, ohne daraus automatisch eine Abwertung meiner Person zu machen. Ich kann eine Grenze setzen, ohne den anderen erniedrigen zu müssen, und ich kann einen Fehler eingestehen, ohne das Gefühl zu haben, dadurch kleiner zu werden. Gerade diese Dinge wirken nach außen oft wenig spektakulär. Für mich verlangen sie jedoch mehr innere Kraft als vieles, was gewöhnlich als Stärke gilt.

Je länger ich Menschen beobachte, desto öfter frage ich mich, ob der Drang nach äußerer Macht nicht gelegentlich dort besonders groß wird, wo innerlich etwas unsicher ist. Wer sich selbst nur spürt, wenn andere gehorchen, braucht das Gehorchen. Wer seinen Wert daraus zieht, gebraucht zu werden, kann schwer zulassen, dass andere ohne ihn zurechtkommen. Wer sich über Wissen definiert, erlebt Widerspruch leichter als Bedrohung. Das bedeutet natürlich nicht, dass jeder mächtige Mensch innerlich unsicher wäre. Eine solche Vereinfachung würde dem Thema nicht gerecht. Aber ich kenne den Mechanismus aus mir selbst gut genug, um ihn ernst zu nehmen. Dort, wo ich unbedingt etwas beweisen möchte, lohnt es sich für mich hinzusehen, was eigentlich auf dem Spiel steht. Häufig ist es weniger die Sache selbst als ein Bild von mir, das nicht beschädigt werden soll.

Darin liegt für mich auch ein wesentlicher Unterschied zwischen Macht und Verantwortung. Macht kann mir ermöglichen, etwas zu entscheiden. Verantwortung beginnt erst bei der Frage, was ich mit dieser Möglichkeit tue. Ich kann einen Menschen beeinflussen und mich trotzdem entscheiden, ihm seinen eigenen Weg zu lassen. Ich kann Recht haben und trotzdem zuhören. Ich kann stärker sein und mich trotzdem zurücknehmen. Solche Entscheidungen wirken auf mich nicht wie Verzicht auf Macht, sondern wie ein Zeichen dafür, dass ich ihr nicht ausgeliefert bin. Wer jede Möglichkeit zur Einflussnahme nutzen muss, besitzt seine Macht vielleicht weniger, als es von außen scheint. Sie besitzt dann ihn. Für mich zeigt sich innere Freiheit eher dort, wo ich etwas tun könnte und trotzdem prüfen kann, ob ich es überhaupt tun möchte.

Auch Spiritualität ist vor solchen Machtfragen nicht geschützt. Gerade dort, wo Menschen nach Orientierung, Heilung, Bedeutung oder inneren Erfahrungen suchen, kann Wissen schnell zu Autorität werden. Wer etwas erlebt hat, das ein anderer noch nicht kennt, kann leicht in die Rolle des Wissenden geraten. Ich habe für mich erfahren, dass genau an dieser Stelle Vorsicht wichtig ist. Eine persönliche spirituelle Erfahrung wird nicht dadurch größer, dass ich sie zum Maßstab für einen anderen Menschen mache. Für mich verliert ein Mensch nichts an Kraft, wenn er sagt: „Das ist meine Wahrnehmung, prüfe selbst, was davon für dich stimmt.“ Im Gegenteil. Ich empfinde darin mehr Macht als in dem Anspruch, die Wahrheit über die Erfahrung eines anderen zu besitzen. Dort, wo niemand abhängig gemacht werden muss, entsteht für mich eine Form von Autorität, die sich nicht selbst beweisen muss.

Genau deshalb berührt dieses Thema für mich auch „Ich – Deine beste Lügnerin“. Beim Schreiben des Buches hat mich immer wieder beschäftigt, wie geschickt wir unsere eigenen Motive vor uns selbst verbergen können. Das Bedürfnis nach Macht trägt selten offen den Namen Macht. Es kann sich als Fürsorge zeigen, als Pflichtgefühl, als Vernunft oder als der Wunsch, nur das Beste für jemanden zu wollen. All das kann ehrlich gemeint sein und trotzdem einen zweiten Teil enthalten. Vielleicht möchte ich gebraucht werden. Vielleicht möchte ich recht behalten. Vielleicht fällt es mir schwer, auszuhalten, dass ein anderer Mensch anders entscheidet, als ich es für richtig halte. Für mich beginnt Selbstbeobachtung genau dort, wo ich solche Widersprüche nicht sofort glätten muss. Ich kann jemanden lieben und gleichzeitig versuchen, ihn zu beeinflussen. Ich kann helfen wollen und trotzdem Anerkennung dafür brauchen. Erst wenn ich beides sehen darf, muss ich mir nicht mehr erzählen, meine Motive seien immer so rein, wie ich sie gern hätte.

Heute erkenne ich Macht deshalb weniger an Lautstärke, Status oder Durchsetzungsfähigkeit. Ich sehe sie eher in jenen unscheinbaren Momenten, in denen ein Mensch nichts beweisen muss. Wenn jemand einen Raum betreten kann, ohne ihn besitzen zu wollen. Wenn er sprechen kann, ohne den anderen kleiner zu machen. Wenn er gehen kann, ohne noch gewinnen zu müssen. Und ich merke bei mir selbst, wie anders sich ein Moment anfühlt, wenn ich nicht mehr darum kämpfe, eine bestimmte Wirkung zu erzeugen. Dann bleibt etwas zurück, das schwerer zu zeigen, aber leichter zu spüren ist. Vielleicht ist Macht haben die Möglichkeit, die Welt um mich herum zu bewegen. Macht sein beginnt für mich dort, wo ich mich selbst nicht mehr verlassen muss, nur damit die Welt sich so bewegt, wie ich es gerne hätte.



Zurück zum Blog