Es gibt Situationen, aus denen ich gegangen bin, obwohl ich körperlich noch mitten in ihnen stand. Ich habe weiter zugehört, genickt, vielleicht sogar gesprochen, und doch war ein Teil von mir längst woanders. Ich begann innerlich den nächsten Tag zu planen, dachte an etwas völlig Nebensächliches oder suchte nach einer vernünftigen Erklärung dafür, warum mich das, was gerade geschah, eigentlich gar nicht berühren sollte. Nach außen war nichts davon zu sehen. Erst viel später habe ich verstanden, dass Flucht nicht immer bedeutet, eine Tür hinter sich zuzuschlagen oder einen Ort zu verlassen. Wir können uns auch entfernen, während wir sitzen bleiben. Wir können aus einem Gespräch fliehen, aus einem Gefühl, aus einer Erinnerung oder aus einer Wahrheit über uns selbst. Und gerade diese stillen Formen der Flucht erkenne ich häufig erst im Rückblick.
Früher habe ich Flucht schnell mit Schwäche verbunden. Wer einer Situation nicht standhält, läuft eben davon. Heute empfinde ich dieses Urteil als zu einfach. Unser Körper und unser Denken besitzen sehr alte Schutzmechanismen. Wenn etwas als bedrohlich erlebt wird, reagieren wir nicht erst nach langer Überlegung. Wir werden wachsamer, suchen Abstand, kämpfen innerlich oder ziehen uns zurück. Das kann in einer tatsächlichen Gefahr lebenswichtig sein. Schwieriger wird es dort, wo dieselbe Bewegung in Situationen auftaucht, in denen keine unmittelbare Gefahr besteht, aber etwas in uns dennoch Alarm schlägt. Eine mögliche Zurückweisung, ein Konflikt, eine Erinnerung an frühere Verletzungen oder das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, können bereits genügen. Dann fliehe ich nicht unbedingt vor dem Menschen oder der Situation vor mir. Ich fliehe vor dem, was sie in mir auslösen könnten.
Diese Erkenntnis hat meinen Blick auf viele meiner eigenen Reaktionen verändert. Es gab Zeiten, in denen ich Gespräche vermied, weil ich mir sagte, sie würden ohnehin nichts bringen. Andere Entscheidungen schob ich auf, weil der Zeitpunkt angeblich noch nicht richtig war. Wieder anderes erklärte ich für unwichtig, sobald ich merkte, dass ich es möglicherweise nicht bekommen würde. Solche Begründungen klangen vernünftig und waren nicht völlig erfunden. Trotzdem lag darunter gelegentlich etwas, das ich weniger gern angesehen habe. Ich wollte eine Enttäuschung nicht riskieren. Ich wollte nicht erleben, wie jemand auf ein ehrliches Nein reagiert. Oder ich wollte vermeiden, mir selbst einzugestehen, wie wichtig mir etwas tatsächlich war. So kann Flucht erstaunlich intelligent aussehen. Sie trägt nicht immer die Gestalt von Panik. Sie kann sich als Logik verkleiden.
Besonders interessant finde ich die Flucht in Aktivität. Ich kenne Tage, an denen plötzlich alles wichtiger erscheint als eine Sache, die mich wirklich beschäftigt. Der Schreibtisch könnte aufgeräumt werden, eine Nachricht beantwortet, etwas recherchiert oder ein längst nebensächlicher Punkt erledigt werden. Es entsteht sogar das gute Gefühl, produktiv zu sein. Doch wenn ich später ehrlich hinsehe, merke ich gelegentlich, dass all diese Bewegung vor allem einen Zweck hatte: Ich musste für eine Weile nicht bei dem bleiben, was unangenehm war. Beschäftigung kann ein wunderbarer Schutz sein, weil sie nicht nach Flucht aussieht. Niemand fragt einen vielbeschäftigten Menschen, wovor er gerade davonläuft. Oft fragt er es nicht einmal sich selbst.
Auch Humor, Gelassenheit oder Spiritualität können zu solchen Ausweichbewegungen werden. Das war für mich besonders schwer zu erkennen, weil ich vieles davon grundsätzlich schätze. Ich kann eine schwierige Erfahrung leichtreden, bis sie mich nicht mehr erreichen muss. Ich kann mir sagen, dass alles einen Sinn habe, bevor ich überhaupt zugelassen habe, dass mich etwas verletzt. Ich kann von Loslassen sprechen, obwohl ich in Wahrheit nur schnell weg von einem unangenehmen Gefühl möchte. Gerade in spirituellen Zusammenhängen begegnet mir diese Versuchung immer wieder. Eine schöne Erklärung kann Trost geben. Sie kann aber auch zu früh kommen. Ich habe für mich erfahren, dass ein Gefühl nicht tiefer wird, nur weil ich ihm eine spirituelle Bedeutung gebe. Gelegentlich braucht es zuerst das schlichte Eingeständnis: Das tut weh. Das macht mir Angst. Das weiß ich gerade nicht.
Dabei gibt es auch eine andere Seite. Nicht jedes Gehen ist Flucht. Diese Unterscheidung ist mir wichtig geworden. Es gibt Situationen, aus denen ich gehe, weil ich klar erkannt habe, dass sie mir nicht guttun. Es gibt Grenzen, die keine Angst vor Nähe sind, sondern Ausdruck von Selbstachtung. Ein Mensch kann eine Beziehung beenden, einen Arbeitsplatz verlassen oder ein Gespräch abbrechen, ohne vor sich selbst davonzulaufen. Von außen lässt sich kaum erkennen, was dahinterliegt. Selbst im eigenen Inneren ist es nicht immer eindeutig. Der Unterschied zeigt sich für mich weniger daran, ob ich bleibe oder gehe, sondern an der Bewegung darunter. Fliehe ich, weil ich etwas nicht fühlen möchte, oder gehe ich, weil ich es sehr wohl gefühlt und ernst genommen habe?
Gerade an diesem Punkt berührt das Thema für mich „Ich – Deine beste Lügnerin“. Beim Schreiben hat mich immer wieder beschäftigt, wie überzeugend wir unsere eigenen Beweggründe vor uns selbst darstellen können. Die innere Lügnerin sagt nicht: „Du hast Angst.“ Sie sagt: „Das interessiert dich doch gar nicht.“ Sie sagt nicht: „Du möchtest nicht verletzt werden.“ Sie erklärt: „Der andere ist es ohnehin nicht wert.“ Sie sagt nicht: „Du weichst gerade aus.“ Sie findet einen guten Grund, weshalb heute etwas anderes wichtiger ist. Das macht Selbsttäuschung so menschlich. Wir wollen uns nicht unbedingt belügen. Wir wollen uns schützen. Und oft finden wir dafür genau jene Geschichte, mit der wir unser Verhalten vor uns selbst am leichtesten akzeptieren können.
Mit der Zeit habe ich aufgehört, jede Fluchtbewegung sofort als etwas zu betrachten, das überwunden werden müsste. Wenn ich merke, dass ich innerlich aus einer Situation verschwinde, interessiert mich heute eher, was in diesem Moment so schwer geworden ist, dass ein Teil von mir Abstand sucht. Allein diese Frage verändert für mich schon etwas. Sie zwingt mich nicht zurück in eine Situation, für die ich noch nicht bereit bin. Sie verurteilt auch nicht den Schutz, den ich mir einmal angewöhnt habe. Aber sie macht sichtbar, dass hinter einem Rückzug mehr liegen kann als Desinteresse oder Bequemlichkeit. Manchmal bewacht die Flucht etwas in uns, das lange keinen anderen Weg kannte, sich zu schützen.
Und dann gibt es diese seltenen Augenblicke, in denen ich den Impuls zu fliehen spüre und trotzdem noch einen Moment bleibe. Nicht aus Pflicht und nicht, um mir Mut zu beweisen. Ich bleibe nur lange genug, um wahrzunehmen, was eigentlich geschieht. Das Herz wird schneller, ein Gedanke sucht sofort einen Ausgang, etwas in mir möchte die Situation kleiner machen, als sie ist. Wenn ich diesen Moment nicht sofort übergehe, erkenne ich gelegentlich, dass vor mir gar keine verschlossene Tür steht. Nur eine alte Bewegung in mir, die längst gelernt hat, in eine bestimmte Richtung zu laufen. Und manchmal genügt schon dieses Erkennen, damit ich nicht mehr ganz so schnell mitlaufe.