Warum wir immer beschäftigt sein wollen

Was wir vermeiden, wenn wir uns ständig beschäftigen

Warum wir immer beschäftigt sein wollen

Es war ein freier Nachmittag, an dem eigentlich nichts mehr von mir verlangt wurde. Die Dinge, die erledigt werden mussten, waren getan, niemand wartete auf eine Antwort und auch für die nächsten Stunden gab es keinen Termin. Ich hätte mich einfach hinsetzen können. Doch kaum entstand dieser freie Raum, begann mein Kopf, ihn zu füllen. Da war noch eine Schublade, die längst einmal geordnet werden könnte. Eine Nachricht, die nicht dringend war. Eine Idee, zu der ich noch etwas nachlesen könnte. Innerhalb weniger Minuten hatte ich aus einem freien Nachmittag wieder eine Aufgabe gemacht. Nicht weil all diese Dinge wichtig gewesen wären, sondern weil es mir erstaunlich schwerfiel, einen Augenblick wirklich unbesetzt zu lassen. Diese Beobachtung blieb bei mir. Ich fragte mich nicht mehr nur, weshalb wir so viel zu tun haben. Mich interessierte plötzlich etwas anderes: "Warum fühlen wir uns häufig erst wohl, wenn wir etwas zu tun haben?"

Beschäftigung gibt meinem Tag eine klare Form. Solange eine Aufgabe vor mir liegt, weiß ich, was als Nächstes kommt. Ich muss mich nicht fragen, ob dieser Moment einen Sinn hat, weil die Tätigkeit ihm bereits einen gegeben hat. Es gibt einen Anfang, ein Ergebnis und häufig sogar die kleine Befriedigung, etwas abgeschlossen zu haben. Freie Zeit besitzt diese Eindeutigkeit nicht. Sie stellt nichts vor mich, woran ich mich orientieren kann. Gerade deshalb kann sie sich eigentümlich offen anfühlen. Ich bin dann nicht derjenige, der etwas erledigt, löst, organisiert oder erreicht. Für einen Moment fehlt diese vertraute Rolle. Vielleicht ist Beschäftigung deshalb nicht nur ein Umgang mit Aufgaben. Sie kann auch eine Möglichkeit sein, sich selbst fortwährend eine Funktion zu geben.

Ich habe bei mir bemerkt, wie eng dieses Funktionieren mit dem Gefühl verbunden sein kann, etwas wert zu sein. Ein voller Tag vermittelt leicht den Eindruck, gebraucht zu werden. Wenn Menschen auf meine Antworten warten, wenn etwas ohne mich nicht weitergeht oder wenn am Abend sichtbar ist, was ich geschaffen habe, bleibt kaum Zweifel daran, dass ich meinen Platz ausgefüllt habe. Das klingt zunächst harmlos, und in vielem ist es das auch. Arbeit, Verantwortung und Schaffen gehören für mich zu einem erfüllten Leben. Schwieriger wird es erst, wenn Ruhe sich nicht mehr wie ein natürlicher Teil des Lebens anfühlt, sondern wie etwas, das verdient werden muss. Dann ruhe ich erst, wenn genügend erledigt wurde, und genügend ist ein erstaunlich bewegliches Ziel. Fast immer lässt sich noch etwas finden, das vorher getan werden könnte.

Unsere Zeit erleichtert diese Bewegung. Es gibt kaum noch eine Lücke, die tatsächlich leer bleiben muss. Während ich irgendwo warte, kann ich Nachrichten lesen. Beim Gehen kann ich telefonieren. Beim Essen läuft ein Video, beim Aufräumen ein Podcast, und selbst vor dem Einschlafen lässt sich noch etwas ansehen oder beantworten. Ich sehe darin nicht grundsätzlich ein Problem. Ich nutze viele dieser Möglichkeiten selbst. Was mich beschäftigt, ist eher, wie selten ich dadurch gezwungen bin, mit einem ungestalteten Augenblick allein zu sein. Früher gab es Zeiten, die nichts anderes konnten, als Wartezeit zu sein. Heute können auch drei freie Minuten produktiv, informativ oder unterhaltsam werden. Die Welt hat uns damit nicht nur mehr Möglichkeiten gegeben. Sie hat auch dafür gesorgt, dass wir kaum noch erfahren müssen, wie sich ein Moment anfühlt, wenn nichts Neues in ihn hineinkommt.

Genau dort beginnt für mich die persönlichere Seite des Beschäftigtseins. Wenn es still wird, wird nicht automatisch alles friedlich. Es kann sogar das Gegenteil geschehen. Ein Gedanke, den ich tagsüber leicht übergangen habe, steht plötzlich wieder da. Eine Entscheidung, die ich seit Wochen vertage, bekommt Raum. Eine Müdigkeit lässt sich nicht mehr übersehen. Auch Gefühle, für die es keine schnelle Lösung gibt, sind in einem vollen Alltag erstaunlich gut unterzubringen, weil immer etwas dazwischenkommt. Ich habe für mich erfahren, dass Beschäftigung gelegentlich wie eine weiche Decke über solchen Dingen liegen kann. Sie beseitigt nichts, aber sie dämpft. Solange ich weitermache, muss ich nicht genau hinsehen, was unter der Bewegung auf mich wartet.

Das bedeutet für mich nicht, hinter jedem aktiven Menschen eine verdrängte Krise zu vermuten. Vieles im Leben ist schlicht arbeitsreich. Es gibt Zeiten, in denen Verantwortung tatsächlich keinen großen freien Raum lässt. Mir geht es um jene zusätzliche Bewegung, die ich mir selbst erschaffe, obwohl sie gar nicht notwendig wäre. Wenn ich nach einer anstrengenden Woche endlich nichts tun müsste und sofort unruhig werde. Wenn ich eine Pause mit schlechtem Gewissen fülle. Wenn ich mich ertappe, wie ich Nebensächliches plötzlich dringend mache, nur damit ich nicht einfach dasitze. Diese kleinen Momente finde ich aufschlussreicher als jede große Theorie darüber, weshalb wir beschäftigt sind. Sie zeigen mir, dass Aktivität nicht immer nur aus Anforderungen entsteht. Sie kann ebenso aus der Schwierigkeit entstehen, sich selbst ohne Aufgabe auszuhalten.

Dabei spielt auch unser Verhältnis zur Zeit eine Rolle. Ich kenne den Gedanken, einen Tag nicht verschwenden zu wollen. Er klingt vernünftig und kann sogar motivierend sein. Doch was gilt eigentlich als verschwendet? Ein Tag, an dem nichts entstanden ist? Ein Nachmittag ohne Ergebnis? Eine Stunde, in der ich nur irgendwo saß und meinen Gedanken nachging? Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich, wie stark ich den Wert von Zeit unbewusst an sichtbare Nutzung geknüpft habe. Etwas erledigt zu haben lässt sich erzählen. Von einem stillen Nachmittag bleibt oft kein vorzeigbares Ergebnis. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb wir ihn so leicht gering schätzen. Er hinterlässt keine Leistung, die wir vor uns selbst oder anderen rechtfertigen können.

Hier erkenne ich vieles aus „Ich – Deine beste Lügnerin“ wieder. Selbsttäuschung zeigt sich für mich nicht nur darin, dass wir etwas Falsches glauben. Sie kann auch darin liegen, einem Verhalten eine überzeugendere Erklärung zu geben als jene, die darunterliegt. Ich sage mir, dass ich einfach fleißig bin, obwohl ich einem unangenehmen Gedanken ausweiche. Ich erkläre, dass etwas noch erledigt werden muss, obwohl ich längst erschöpft bin. Ich nenne es Verantwortungsbewusstsein, obwohl ein Teil von mir Angst davor hat, einmal nicht gebraucht zu werden. Das macht die Erklärung nicht vollständig falsch. Gerade deshalb ist sie so wirksam. Unsere inneren Geschichten enthalten oft genug Wahrheit, um die andere Hälfte nicht mehr ansehen zu müssen.

Mit der Zeit hat sich deshalb mein Blick auf freie Zeit verändert. Ich empfinde sie weniger als das Gegenteil von einem erfüllten Leben. Eher als einen Bereich, in dem sichtbar wird, wie ich mit mir selbst bin, wenn nichts von außen meine Rolle bestimmt. Das ist nicht immer angenehm und auch nicht immer tief. Es gibt durchaus langweilige Stunden. Doch gerade darin liegt für mich etwas Befreiendes. Nicht jeder Moment muss bedeutungsvoll werden. Nicht jede Pause muss mich zu einer Erkenntnis führen. Es darf Zeit geben, die nichts hervorbringt. Und vielleicht liegt in dieser scheinbaren Nutzlosigkeit etwas, das wir im dauernden Beschäftigtsein leicht verlieren: die Erfahrung, dass das eigene Leben auch dann weitergeht, wenn wir für einen Augenblick nichts leisten, nichts verbessern und nichts festhalten müssen.

Heute merke ich noch immer, wie schnell mein Kopf eine freie Stunde besetzen möchte. Der Unterschied ist nur, dass ich diesen Impuls inzwischen häufiger erkenne. Dann sehe ich die ungeordnete Schublade, denke an die Nachricht, die ich schreiben könnte, und weiß gleichzeitig, dass beides warten kann. Für einen Moment bleibt die Zeit tatsächlich leer. Und genau dann taucht gelegentlich eine sehr einfache Frage auf, die unter all den Aufgaben kaum eine Chance hat: "Wenn gerade niemand etwas von mir braucht und nichts erledigt werden muss, kann ich dann trotzdem einfach hier sein?"



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