Schon in meiner Jugend hat mich die Frage beschäftigt, was hinter dem Sichtbaren liegt. Ich habe viel gelesen, über Magie, Rituale, Psychologie und all die Bereiche, in denen es um Wahrnehmung, Energie und das Zusammenspiel zwischen innerem Erleben und äußerer Welt ging. Damals wollte ich vieles verstehen, indem ich es ausprobierte. Rituale spielten dabei eine große Rolle. Sie gaben meiner Aufmerksamkeit eine Richtung, halfen mir, mich auf bestimmte Erfahrungen einzulassen, und machten etwas für mich spürbar, das ich mit Worten allein nur schwer hätte erfassen können.
Diese Zeit war für mich wichtig. Durch die Rituale habe ich gelernt, genauer hinzusehen und feiner wahrzunehmen. Ich begann Unterschiede zu bemerken, die mir vorher entgangen waren. Veränderungen im eigenen Zustand, in der Atmosphäre eines Raumes, in der Qualität einer Situation. Ich lernte, meine Aufmerksamkeit zu sammeln und mich bewusster auf das einzulassen, was ich als Energie und Schwingung wahrnahm. Rückblickend sehe ich diese Jahre nicht als Umweg. Sie waren ein Teil meines Weges, weil ich dadurch überhaupt erst ein Gespür dafür entwickeln konnte, was ich wahrnehme und wie sich diese Wahrnehmung verändert.
Mit der Zeit tauchte jedoch immer wieder dieselbe Frage in mir auf: „Muss es wirklich jedes Mal ein aufwendiges Ritual sein, damit ich Energie spüre oder mit ihr arbeiten kann?“ Anfangs war diese Frage eher leise, doch sie kam immer wieder zurück. Je vertrauter mir die Erfahrungen wurden, desto stärker interessierte mich, was eigentlich übrigbleibt, wenn ich die äußere Form weglasse.
Ich begann deshalb, weniger vorzubereiten und weniger vorzugeben. Keine festen Abläufe, keine besondere Inszenierung, nicht immer ein bestimmter Rahmen. Ich wollte wissen, ob ich auch dann wahrnehmen konnte, was vorher nur innerhalb eines Rituals deutlicher geworden war. Genau dabei veränderte sich mein Verständnis von Energie.
Ich habe für mich erfahren, dass Energie nicht erst in dem Moment entsteht, in dem ich etwas tue. Sie ist für mich ohnehin da. Der Unterschied liegt vielmehr darin, wie offen ich selbst gerade bin, wie fein meine Aufmerksamkeit ist und wie sehr ich mich darauf einlasse, wahrzunehmen, ohne sofort etwas erreichen zu wollen.
Heute beginne ich deshalb nicht mehr damit, etwas herstellen zu wollen. Ich nehme zunächst nur wahr, was gerade ist. Ich spüre in meinen Körper, in den Raum, in die Atmosphäre. Ich achte auf feine Veränderungen, auf Schwingungen, auf das, was sich verändert, wenn ich innerlich offener werde. Dabei versuche ich nicht, sofort ein Ergebnis zu erzeugen.
Gerade dieses Weglassen von Erwartung hat für mich viel verändert. Früher war oft die Frage im Hintergrund, ob ich etwas spüre und ob das, was ich spüre, richtig ist. Heute interessiert mich viel mehr die Qualität dessen, was da ist. Manche Wahrnehmungen sind sehr fein, andere deutlicher. Es gibt Momente, in denen sich etwas sofort zeigt, und andere, in denen kaum etwas Besonderes geschieht. Beides gehört für mich dazu.
Wenn ich mich innerlich öffne, kann sich meine Wahrnehmung sehr stark verfeinern. Ich nehme dann kleinste Veränderungen wahr, sowohl in mir selbst als auch in meiner Umgebung. Dabei geht es für mich nicht darum, jede Schwingung sofort zu deuten. Ich lasse sie zunächst einfach da sein. Erst im weiteren Erleben zeigt sich, ob etwas Aufmerksamkeit braucht, ob sich etwas verändern möchte oder ob es einfach nur wahrgenommen werden will.
Mit der Zeit habe ich genau darin eine andere Form des Arbeitens mit Energie gefunden. Weniger tun, mehr wahrnehmen. Weniger vorgeben, mehr offenlassen. Das bedeutet nicht, dass ich nichts mehr tue. Im Gegenteil. Wenn sich für mich klar zeigt, dass etwas Aufmerksamkeit braucht, kann ich mich darauf einlassen. Aber der Ausgangspunkt ist nicht mehr der Wunsch, etwas zu erzeugen, sondern das Wahrnehmen dessen, was bereits da ist.
Für mich ist das ein wesentlicher Unterschied geworden. Früher stand stärker die Frage im Vordergrund, wie Energie funktioniert und wie ich sie beeinflussen kann. Heute interessiert mich viel mehr, wie sie sich zeigt, wenn ich nicht sofort eingreife. Dadurch ist auch meine Beziehung zu ihr ruhiger geworden. Ich muss nicht mehr beweisen, dass etwas geschieht. Ich muss nicht ständig prüfen, ob ich richtig wahrnehme. Ich kann mich darauf einlassen und sehen, was sich entwickelt.
Gerade deshalb haben Rituale für mich ihre Bedeutung nicht verloren. Ich sehe sie heute nur anders. Sie können Aufmerksamkeit bündeln, einen Raum öffnen und eine bewusste Ausrichtung ermöglichen. Aber sie sind für mich nicht mehr die Voraussetzung dafür, Energie wahrzunehmen. Das, was ich damals in ihnen gesucht habe, ist nicht an sie gebunden.
Diese Erkenntnis ist nicht plötzlich gekommen. Sie hat sich über Jahre entwickelt, durch Ausprobieren, Beobachten und immer wieder durch die Frage, was geschieht, wenn ich etwas weglasse. Je weniger ich das Gefühl hatte, etwas herstellen zu müssen, desto feiner wurde oft meine Wahrnehmung.
Heute reicht es mir häufig, mich innerlich zu öffnen und zu schauen, was gerade ist. Mehr braucht es in vielen Situationen nicht. Und genau darin liegt für mich inzwischen etwas sehr Ruhiges. Nicht ständig eingreifen zu müssen, sondern auch den Raum offen lassen zu können.
Es gibt Momente, in denen sich dabei etwas zeigt und verändert. Und es gibt andere, in denen einfach nur Stille und Wahrnehmung bleiben. Früher hätte ich vielleicht gedacht, dass zu wenig geschieht. Heute sehe ich auch darin eine Erfahrung.
Denn nicht jede Energie will für mich bewegt, gedeutet oder verändert werden. Manches möchte vielleicht einfach nur wahrgenommen werden. Und je länger ich damit lebe, desto mehr habe ich das Gefühl, dass genau dort eine Form von Tiefe beginnt, die keine äußere Form mehr braucht.