Es gibt Tage, an denen ich schon früh merke, dass zu viel gleichzeitig von mir will. Aufgaben warten, Entscheidungen stehen im Raum, Gedanken springen von einem Punkt zum nächsten, und noch bevor etwas wirklich abgeschlossen ist, beschäftigt mich innerlich bereits das Nächste. Nach außen muss das gar nicht auffallen. Ich funktioniere, erledige Dinge, denke nach und versuche zu sortieren. Trotzdem verändert sich in mir etwas. Ich werde unruhiger, beginne stärker zu analysieren und merke irgendwann, dass mein Kopf nicht mehr wirklich ordnet, sondern nur noch versucht, alles gleichzeitig festzuhalten.
Lange Zeit habe ich in solchen Momenten versucht, noch konzentrierter zu werden. Ich wollte die Gedanken besser sortieren, schneller entscheiden und möglichst rasch wieder Kontrolle über das Gefühl von Überforderung bekommen. Mit der Zeit habe ich jedoch bemerkt, dass genau das oft das Gegenteil bewirkt. Wenn mein Kopf bereits voller Gedanken ist, bringt noch mehr Denken selten die Ruhe zurück, die ich eigentlich brauche. Es entsteht eher das Gefühl, mich immer tiefer in denselben Zustand hineinzudenken.
Heute erkenne ich diesen Punkt früher. Dann mache ich bewusst eine Pause, nicht weil damit alles erledigt wäre oder weil ich mich vor den Aufgaben drücken möchte, sondern weil ich merke, dass ich in diesem Zustand nicht mehr wirklich klar wahrnehme. Mein Denken ist dann so beschäftigt, dass ich kaum noch mitbekomme, was mein Körper längst zeigt. Meine Atmung wird flacher, irgendwo entsteht Spannung, und mein ganzes inneres Erleben fühlt sich enger an.
Wenn ich die Möglichkeit habe, setze ich mich in Stille hin. Ich versuche dabei nicht, sofort etwas zu verändern. Ich beobachte zunächst nur meinen Körper und meine Atmung. Ich nehme wahr, wo Spannung sitzt, wie sich meine Schultern anfühlen, wie mein Brustraum reagiert, ob der Atem ruhig oder kurz ist und wie mein ganzer Zustand gerade wirkt. Mir hilft es, nichts erzwingen zu wollen. Ich atme nicht absichtlich tiefer und versuche auch nicht, die Gedanken wegzuschieben. Ich beobachte nur, bis ich das Gefühl habe, wieder etwas mehr bei mir anzukommen.
Oft merke ich erst in diesen ruhigen Momenten, wie angespannt ich vorher tatsächlich war. Die Gedanken verschwinden nicht sofort, aber sie verlieren nach und nach ihre Geschwindigkeit. Sie sind noch da, nur nicht mehr alle gleichzeitig im Vordergrund. Ich beginne wieder stärker wahrzunehmen, was körperlich geschieht, und allein diese Verschiebung verändert für mich bereits viel.
An anderen Tagen reicht Sitzen nicht. Dann gehe ich hinaus, meistens in den Wald. Das Gehen hilft mir auf eine andere Weise. Der Körper kommt in Bewegung, der Blick richtet sich nicht mehr nur nach innen, und meine Aufmerksamkeit beginnt sich wieder auf die Umgebung zu verteilen. Ich höre Geräusche, sehe die Bewegung der Bäume, nehme den Boden unter meinen Füßen wahr und spüre die Luft. Ich gehe dabei nicht hinaus, um eine Lösung zu finden. Wenn ich mit derselben inneren Frage weitergrüble, nehme ich den ganzen Druck einfach mit. Deshalb versuche ich eher, für eine Weile nichts lösen zu wollen.
Manchmal gehe ich eine Zeit lang, manchmal setze ich mich draußen unter einen Baum. Ich gebe mir dafür keine feste Dauer vor. Ich bleibe so lange, bis ich bemerke, dass sich mein ganzer Zustand verändert. Der Körper wird ruhiger, die Gedanken verlieren an Tempo, und auch meine innere Schwingung fühlt sich für mich anders an. Weniger dicht, weniger angespannt, wieder fließender. Ich kann das nicht messen, aber ich nehme deutlich wahr, dass mein ganzes System beginnt, sich neu zu ordnen.
Der interessante Moment kommt für mich dann, wenn die Aufgaben noch dieselben sind, ich ihnen aber anders gegenüberstehe. Nichts ist verschwunden, trotzdem wirkt nicht mehr alles gleich dringend. Ich kann wieder unterscheiden, was wirklich Aufmerksamkeit braucht und was nur deshalb so laut geworden ist, weil mein eigener Zustand angespannt war. Oft liegt die Veränderung nicht in einem neuen Gedanken, sondern darin, dass ich wieder in einen Zustand komme, in dem Denken, Körper und Wahrnehmung nicht mehr gegeneinander arbeiten.
Gerade der Wald zeigt mir das immer wieder. Dort gibt es nichts, das von mir verlangt, schneller zu werden. Kein Baum fordert eine Entscheidung, kein Wind erwartet eine Antwort, und der Boden interessiert sich nicht dafür, was heute noch erledigt werden muss. Wenn ich eine Weile dort sitze, merke ich oft erst, wie sehr ich vorher gegen meinen eigenen Rhythmus gearbeitet habe. Ich wollte zu viel gleichzeitig, und mein ganzer Körper hat darauf reagiert.
Wenn sich dieser innere Druck langsam löst, beginnt meine Wahrnehmung wieder weiter zu werden. Geräusche werden klarer, Licht fällt mir wieder auf, die Bewegungen der Natur treten stärker hervor, und auch in mir selbst entsteht wieder mehr Raum. Genau dann merke ich, dass ich nicht mehr nur von meinen Gedanken ausgefüllt bin. Die Welt um mich herum wird wieder größer, und mit ihr wird auch mein eigener innerer Raum wieder weiter.
Oft gehe ich danach zurück zu dem, was erledigt werden muss. Nicht mit mehr Zeit und nicht mit einer fertigen Lösung, sondern mit einem anderen Zustand. Vieles beginnt dann wieder natürlicher zu fließen. Und manchmal reicht genau das, um zu merken, dass Ruhe nicht immer dort entsteht, wo nichts mehr zu tun ist, sondern dort, wo ich mich selbst zwischen all dem Tun nicht mehr verliere.