Stille beginnt für mich nicht dort, wo es außen leise wird. Ich kann in einem vollkommen ruhigen Raum sitzen und trotzdem merken, wie viel in mir noch in Bewegung ist. Gedanken laufen weiter, der Körper hält Spannungen fest, die Wahrnehmung springt von einem Reiz zum nächsten, und auch energetisch fühlt sich vieles noch unruhig an. Über die Jahre habe ich deshalb verstanden, dass äußere Ruhe für mich nur eine Voraussetzung ist. Die eigentliche Stille entsteht erst später, wenn sich mein gesamter innerer Zustand verlangsamt.
Wenn ich bewusst in die Stille gehen möchte, nehme ich zuerst die äußeren Reize weg. Das Handy ist nicht in meiner Nähe, Musik bleibt aus, Computer und Fernseher ebenfalls. Ich versuche nicht, diese Ruhe künstlich besonders zu machen. Meistens setze ich mich einfach auf die Couch oder auf einen Stuhl. Manchmal stelle ich mich vor ein geöffnetes Fenster und schaue nach draußen. Ich richte meinen Blick auf nichts Bestimmtes. Ich suche keine Antwort und versuche auch nicht, etwas Besonderes wahrzunehmen. Ich schaue einfach und lasse das, was da ist, da sein.
Gerade die ersten Minuten empfinde ich oft als interessant, weil sie zeigen, wie wenig still ich innerlich zunächst tatsächlich bin. Gedanken laufen weiter, manches vom Tag taucht noch einmal auf, etwas will erledigt, beantwortet oder verstanden werden. Auch der Körper braucht eine Weile, bis er aufhört, die vorherige Geschwindigkeit weiterzutragen. Ich spüre dann Spannungen, die mir vorher kaum aufgefallen sind, und nehme wahr, wie viel Bewegung noch in meinem gesamten System vorhanden ist. Für mich fühlt es sich teilweise so an, als würden sich Gedanken, Energie und Wahrnehmung noch in verschiedene Richtungen drehen.
Früher hätte ich wahrscheinlich versucht, diesen Zustand schneller zu verändern. Heute lasse ich ihn eher geschehen. Ich zwinge mich nicht zur Ruhe und versuche auch nicht, die Gedanken zu unterbrechen. Ich beobachte einfach, ohne jeden Gedanken weiterzuführen und ohne alles sofort zu bewerten. Gerade darin liegt für mich ein wichtiger Unterschied. Sobald ich versuche, still sein zu müssen, entsteht bereits wieder ein Ziel, und mit diesem Ziel kommt neue Anspannung hinzu.
Nach einer Weile beginnt sich etwas von selbst zu verändern. Der Körper wird entspannter, die Atmung findet einen ruhigeren Rhythmus und die Gedanken verlieren an Gewicht. Sie sind nicht unbedingt vollständig verschwunden, aber sie ziehen leichter vorbei. Gleichzeitig nehme ich auch meine Energien ruhiger wahr. Was zuvor dichter, bewegter oder unruhiger wirkte, fühlt sich ausgeglichener an. Ich habe für mich erfahren, dass ich diesen Übergang nicht beschleunigen kann. Ich kann lediglich die Bedingungen schaffen, in denen er möglich wird.
Auch meine Wahrnehmung verändert sich dabei. Sie wird für mich klarer, aber nicht in dem Sinne, dass ich plötzlich mehr analysiere. Eher das Gegenteil geschieht. Ich muss weniger erklären und nehme dadurch unmittelbarer wahr. Wenn ich am geöffneten Fenster stehe, höre ich Geräusche draußen deutlicher, sehe Bewegungen, Licht oder Bäume, ohne daraus sofort etwas zu machen. Die Umgebung ist dieselbe wie vorher, doch ich begegne ihr anders, weil in mir weniger gleichzeitig um Aufmerksamkeit kämpft.
Genau darin liegt für mich etwas sehr Wesentliches an Stille. Sie macht die Welt nicht leerer. Sie macht sie oft voller, nur auf eine andere Weise. Wenn mein innerer Lärm nachlässt, verschwinden die Dinge um mich herum nicht, sondern treten deutlicher hervor. Ich nehme den Raum bewusster wahr, meinen Körper, die Temperatur, Geräusche und auch die Stimmung, in der ich mich gerade befinde. Es fühlt sich nicht wie ein Rückzug aus dem Leben an, sondern eher wie eine Rückkehr in etwas, das vorher von zu vielen Reizen überlagert war.
Ich habe dabei auch gelernt, dass Stille nicht jeden Tag gleich ist. Es gibt Tage, an denen sich mein Körper schnell entspannt und die Gedanken rasch leichter werden. An anderen Tagen dauert es länger. Dann bleibt mehr Bewegung in mir, und die Ruhe stellt sich nicht so selbstverständlich ein. Früher hätte ich darin vielleicht einen Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Erfahrung gesehen. Heute interessiert mich eher, was gerade tatsächlich da ist. Auch Unruhe kann in der Stille sichtbar werden, ohne dass sie sofort verschwinden muss.
Für mich liegt darin ein Teil der Ehrlichkeit dieser Erfahrung. Stille zeigt nicht nur Ruhe. Sie zeigt zunächst oft auch das, was unter der ständigen Beschäftigung nicht zu sehen war. Gedanken, Spannungen, innere Bewegungen und manchmal auch eine diffuse Unruhe treten deutlicher hervor, wenn nichts mehr da ist, das sie überdeckt. Erst wenn ich damit eine Weile sitzen kann, beginnt sich etwas neu zu ordnen.
Ich merke den Übergang meistens nicht an einem einzelnen Moment. Es gibt keinen Punkt, an dem plötzlich alles still ist. Es geschieht eher schrittweise. Der Körper lässt etwas los, Gedanken werden weiter voneinander entfernt, und die Wahrnehmung bekommt mehr Raum. Irgendwann bemerke ich, dass ich nicht mehr darauf warte, dass etwas passiert. Ich sitze oder stehe einfach da, und das reicht.
Gerade dieses Nichts Hinzufügen hat mein Verhältnis zur Stille verändert. Ich brauche keine Musik, um einen bestimmten Zustand zu erzeugen, keine geführten Worte und keine besondere Atmosphäre. Für mich entsteht Tiefe eher dort, wo weniger dazwischensteht. Das bedeutet nicht, dass all diese Dinge grundsätzlich störend wären. Ich merke nur, dass wirkliche Stille für mich etwas anderes ist. Sie beginnt dort, wo nichts mehr von außen ergänzt werden muss.
Wenn ich nach einer solchen Zeit wieder aufstehe, fühlt sich mein Zustand meist anders an. Der Körper ist entspannter, die Gedanken sind leichter und mein inneres Erleben wirkt geordneter. Auch die Energie fühlt sich ruhiger an. Ich nehme mich selbst klarer wahr und habe gleichzeitig das Gefühl, offener für meine Umgebung zu sein. Es ist keine spektakuläre Erfahrung, eher etwas Leises, das sich schwer festhalten lässt.
Vielleicht berührt mich gerade deshalb diese Form der Stille bis heute. Sie verlangt nichts von mir und verspricht mir auch nichts. Ich muss darin nichts leisten, nichts verstehen und nichts erreichen. Ich kann einfach da sein, bis das, was in mir noch kreist, langsamer wird. Und wenn ich dann am geöffneten Fenster stehe und nach draußen schaue, merke ich oft, dass die Ruhe nicht dadurch entstanden ist, dass die Welt still geworden wäre. Sie ist entstanden, weil ich aufgehört habe, sie ständig mit etwas füllen zu wollen.